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20.12.2019

Verhaltenssucht – die oft unterschätzte Gefahr!

„Und noch eine Runde“, denkt Kai und greift noch einmal beherzt in die Chipstüte, bevor er das schwere Level seines neuen Computerspiels wiederholt. Gerade als er seine virtuelle Waffe zückt, klingelt sein Handy. Ein Blick auf das Display verrät: 7 entgangene Anrufe von Mike, seinem Arbeitskollegen und engen Freund. „Ach, der kann warten“, sagt Kai und legt das Handy aus seinem Blickfeld, um sich nun vollends seiner virtuellen Realität hinzugeben.

Kennen Sie das? Vermutlich sind Sie auch schon einmal in ein Computerspiel abgetaucht, um dem Alltag zu entfliehen. Oder Sie haben Stunden mit Online-Shopping verbracht, anstatt sich mit Freunden zu treffen. Oder Sie unterhalten sich mit Freunden, aber nur noch über soziale Medien. Dann könnten auch Sie von einer Verhaltenssucht betroffen sein.

Was sind eigentlich Verhaltenssüchte?

Verhaltenssüchte werden auch als nicht stoffgebundene Süchte oder Abhängigkeiten bezeichnet, da diese sich nicht auf den schädigenden Konsum von Substanzen, wie etwa Alkohol, Drogen oder Medikamente, beziehen. Sie zeichnen sich stattdessen durch übermäßige Beschäftigung mit ganz bestimmten Verhaltensweisen oder Aktivitäten aus. Die Verhaltenssüchte werden rein diagnostisch nicht in die gleiche Kategorie eingeordnet wie die sogenannten stoffgebundenen Abhängigkeiten. Sie fallen hier unter die abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle.

Gemeinsamkeiten von Suchtarten

Stoffungebundene Süchte, also Verhaltenssüchte und stoffgebundene Süchte haben einige Merkmale, die sie sich teilen. Bei den Verhaltenssüchten erfahren Betroffene, dass sie entweder mit bestimmten Verhaltensweisen oder Gebrauchsmustern, schnell und effektiv, schlechte Gefühle verdrängen können, ähnlich wie bei der stoffgebundenen Sucht. Im Laufe der Suchtentwicklung rückt dieses exzessive Verhalten zunehmend in den Lebensmittelpunkt und wird dann unkontrollierbar. Alternative Verhaltensmuster oder andere Bewältigungsstrategien treten in den Hintergrund und werden bald verlernt. Vielleicht hat der Betroffene damals Sport gemacht, um sich abzureagieren oder ist regelmäßig spazieren gegangen, anstelle in dieses abnorme Verhalten zu fallen. Dies gehört nun der Vergangenheit an. Die komplette Aufmerksamkeit fokussiert sich auf den »Rauschzustand«. Soziale Beziehungen, Interessen und Hobbies reduzieren sich, die Arbeitsleistung sinkt. Im Laufe dieser Abwärtsspirale kann der Betroffene in eine Art »Verwahrlosung« geraten. Die Folgen beider Suchtarten sind häufig seelische, körperliche wie auch finanzielle Probleme.

Die Facetten der Verhaltenssüchte

Gemeinsame Merkmale vieler Verhaltenssüchte sind unter anderem die Übermäßigkeit der Ausübung des Verhaltens. Betroffene haben eine hohe Ansprechbarkeit durch Reize, sie haben ein starkes Verlangen, sich diesem Verhalten hinzugeben. Das Denken des Betroffenen wird inhaltlich auf den jeweiligen Verhaltensbereich eingeengt und es kommt zunehmend zu einer kurzfristigen Reduktion von Anspannung oder anderen negativen Gefühlszuständen, die mit diesem Verhalten kompensiert werden können. Bis zu einem gewissen Grad kommt es zum »Nervenkitzel«. Doch die Erhöhung der Dosis, um die gewohnte Wirkung zu erreichen, nimmt stetig zu. Dosissteigerung heißt in der Verhaltenssucht, dass entweder die Häufigkeit des schädlichen Verhaltens zunimmt oder der Zeitaufwand, der damit verbunden ist.

Hinzu kommt das Gefühl des Unbehagens, wenn dieses bestimmte Verhalten nicht ausgeführt werden kann. Diese negativen Aspekte können auch Depressionen sein. Das hängt auch damit zusammen, dass sich im Verlauf der Sucht, der Lebensmittelpunkt immer mehr auf das süchtige Verhalten ausrichtet. Ein Beispiel: eine internetsüchtige Person vernachlässigt ihr reales Lebensumfeld, die echten Kontakte und Verpflichtungen, zugunsten von allen Aktivitäten in der virtuellen Realität. Es kommt zu finanziellen Engpässen, der Anhäufung von Schulden (besonders im Glücksspiel) und die Menschen ziehen sich zurück.

Lassen Sie es nicht soweit kommen! Lassen Sie uns reden!

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